Wohl selten hat eine Partnerschaft im Vorfeld derart vielversprechend geklungen. Auf der einen Seite der Tübinger Stadtlauf, „ein sehr wichtiger Termin in unserem Kalender, er hält die Stadt in Bewegung“, sagte Oberbürgermeister Boris Palmer bei der Stadtlauf-Pressekonferenz am Freitag. Auf der anderen Seite die kleine Pestalozzischule, aber gerade für seine 82 lernbehinderten Schüler sei Bewegung wichtig, sagte Schulleiter Helmut Treutlein. Bewegung ist auf dem Schulhof in der Primus-Truber-Straße derzeit nur mit sehr viel Fantasie möglich, auf dem grau gepflasterten Gelände steht nur eine graue Beton-Tischtennisplatte einsam in der Gegend.
Als Sozialpartner des 17. Stadtlaufs darf nun also die Pestalozzischule die Laufbühne im September nutzen, um für einen neuen Schulhof Geld zu sammeln. Der neue Pausenplatz existiert bisher nur auf einem Blatt Papier, dort ist alles bunt gefärbt, helle Holzpfähle liegen wie Mikadostäbe übereinander, verbinden sich zu Klettergerüsten, dahinter steht ein großes Netz, in das sich die Schüler wie in eine Hängematte fallen lassen können. 28 000 Euro würde das alles kosten, rechnete Martin Jäger von der Fördergemeinschaft der Schule vor. 6000 Euro wird die Stadt lockermachen, der Rest muss anhand von Spenden und Eigenarbeit finanziert werden. Die Einnahmen beim Stadtlauf – bei der Tombola, beim Essensverkauf, durch Spenden der Teilnehmer – könnte schon mehr als 10 000 Euro in die Spendenkassen spülen. „Wir sind so dankbar“, als Rektor Treutlein das sagte, öffnete er beide Hände und schlug sie beinahe Heiner Kondschak ins Gesicht. Der Theater- und Musikmacher hatte sich von den Schule überreden lassen, als Schirmherr des frischgebackenen Sozialpartners aufzutreten. Jetzt spendiert Kondschak CDs für die Tombola und vielleicht sogar ein Erlebniswochenende mit sich selbst („Oder den Gegenwert in bar in Höhe von 3,20 Euro“, frotzelte Kondschak).
Gemütlich ging es also bei der Pressekonferenz zu, die prominenten Gäste Kondschak, Palmer und Olympiasieger Dieter Baumann flachsten bei Kaffee und Butterbrezeln (wobei die Elternvertreter der Schulhofinitiative, die im Vorfeld am härtesten um Spenden und Aufmerksamkeit gekämpft hatten, ein wenig untergingen). Auch sonst schien alles wie immer: Die Trainingsangebote im Vorfeld des Laufs werden wieder besser besetzt sein als manches WM-Finale (neben der lokalen Läuferprominenz werden unter anderem 800-Meter-Ass David Rudisha und Hallen-Weltmeister Bernard Lagat kommen). Die Startlisten sind wieder gut gefüllt (mit mehr als 1000 Startern, man liege im Plan, sagte Organisatorin Gogo Ulrich), die Spitzenathleten würden sich wie immer kurzfristig entscheiden, ob sie mitmachen würden. „Alles eine runde Sache“, befand Baumann.
Wenn da nicht das schlechte Gewissen von Boris Palmer wäre. Die Pestalozzischule hatte sich ja vor allem als Sozialpartner beim Stadtlauf-Organisationskomitee beworben, weil der Oberbürgermeister das Schulhofprojekt nur geringfügig bezuschussen kann. Mit den verfügbaren Geldern könne man die Einrichtungen aller Schulen derzeit aber bestenfalls erhalten, rechtfertigte sich Palmer. Wer eine Verbesserung wolle, müsse sich selbst engagieren, schloss der OB an, so sei die Identifkation der Schule mit den neuen Geräten aber auch größer. Stadtlauf-Organisator Frieder Wenk legte noch noch einige Zweifel über ehrenamtliches Engagement in Zeiten schwindender Sponsorenzuwendungen in den Kummerkasten: „Wir müssen uns irgendwann auch mal fragen, ob sich der ganze Aufwand noch lohnt“, sagte er. Irgendwann. Aber frühestens nach der 17. Stadtlauf-Auflage am 19. September.














