Tübingen. Der Kenianer Patrick Kimeli hat den 16. Tübinger Stadtlauf vor seinem Landsmann Peter Bett gewonnen. Der Wahl-Tübinger Yusuf Biwott komplettierte den kenianischen Dreifacherfolg. Arne Gabius (Fünfter) und Filmon Ghirmai (Siebter) von der LAV Asics Tübingen waren die besten Deutschen. Bei den Frauen wiederholte Simret Restle (Frankfurt) ihren Sieg aus dem Vorjahr. Insgesamt nahmen 2600 Läufer den Rundkurs durch Altstadt und Anlagensee in Angriff.
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Kaum eine Geste ist unter Langstreckenläufern gefürchteter als der Blick über die Schulter. Wer sich in Führung liegend umschaut, der sendet einen stummen Hilferuf aus – ‚Hilfe, mir geht der Sprit aus, gleich werde ich eingeholt‘. Die Verfolger spüren das, sie schöpfen neue Hoffnung und rufen mit jedem Schritt stumm zurück – ‚Ha, jetzt holen wir dich!‘
Es war genau dieser eine Blick zurück, der die 7,5-Kilometer des 16. Tübinger Stadtlaufs entschied. Gewagt hatte ihn der Kenianer Peter Bett. Bis dahin hatte Bett, groß, Baujahr 78‘, dunkle Bartstoppeln, im kenianischen Nationaltrikot laufend, eigentlich nur nach vorne geschaut. Mit einem Blitzstart war er auf dem Weg zum Marktplatz etwa dem Feld der Spitzenläufer enteilt. Dann, ungefähr nach der Hälfte des Rennens schaute er sich um. Bett erblickte Patrick Kimeli, Baujahr 89‘, einen Kopf kleiner, babyglatte Haut, im neongelben Dress, ebenfalls Kenianer. „Ich habe gesehen, wie er nachgelassen hat, da habe ich das Tempo forciert“, erinnerte sich Kimeli. „Als ich ihn gesehen habe wusste ich, dass er gewinnen würde“, sagte Bett nach dem Rennen.
Kleiner Heimsieg
Bett behielt Recht. Sein Verfolger und Trainingspartner Patrick Kimeli fing ihn ein, gewann schließlich in 21:24 Minuten. Vier Sekunden später kam auch Bett ins Ziel, der fast noch vom Drittplatzierten Yusuf Biwott (21:30) abgefangen wurde. Biwott bescherte dem Tübinger Publikum anschließend einen kleinen Heimsieg, als er seine Beziehung zur Universitätsstadt betonte. „Ich bin einfach froh und glücklich, in meiner Stadt zu laufen. Danke an alle, die uns unterstützt haben.“
Die ersten deutschen Starter beendeten ihren Arbeitstag 50 Sekunden nach dem Sieger. Arne Gabius, von den Zuschauern als Gastgeber gefeiert, benötigte als Fünfter 22:12 Minuten, Teamkollege Filmon Ghirmai belegte eine Sekunde dahinter Rang sieben. Ghirmai fand seinen Auftritt trotzdem „gigantisch“, es sei halt nicht einfach, die Form vollständig bis in den September zu retten. Auch Gabius hatte sich „bis zum Anschlag“ gequält und stellte heraus, dass der Stadtlauf definitiv das schönste Rennen des Jahres für ihn und Ghirmai sei.
Die Freude der deutschen Läufer mischte sich mit Staunen und Bewunderung über den Parforceritt der siegreichen Kenianer. Eigentlich hatten Gabius, Ghirmai und die versammelte deutsche Läuferspitze so lange wie möglich an den Erstplatzierten - den Kenianern also - dranbleiben wollen, doch das mutige Anfangstempo von Peter Bett (22 Stundenkilometer auf der ersten Runde) verlangte eine neue Taktik. „Wenn wir da mitgegangen wären, wären wir nicht im Ziel angekommen“, sagte Ghirmai. „Lass ihn laufen“, dachte sich Gabius. Und Martin Beckmann, amtierender deutscher Marathon-Meister von der LG Leinfelden-Echterdingen, stellte fest, dass es in Tübingen doch etwas schneller als beim Marathon zugehe: „Oben am Berg waren die Lichter aus, da tat alles weh“. Der Übeltäter Peter Bett lächelte nur. „Ich laufe immer so schnell los, das ist halt meine Taktik.“
"Das Beste, was ich kenne"
Während die Kenianer also im Intercity-Tempo davondüsten, blieb den übrigen Spitzenläufer etwas mehr Zeit, die Atmosphäre am Streckenrand aufzusaugen. Marathon-Spezialist Beckmann hatte einen „Riesenspaß“ und darüber hinaus viele Fans und Verwandte im Publikum. Der ehemalige LAV-Läufer Wolfram Müller (Pirna), der hinter Ghirmai Rang in 22:22 Minuten Platz acht belegte, bekam viel Applaus und bedankte sich artig beim Publikum: „Vom Flair und Ambiente ist der Tübinger Stadtlauf das Beste, was ich kenne.“ WM-Starter Steffen Uliczka (Kiel) zwar das Duell gegen seinen 3000-Meter-Hindernis-Rivalen Ghirmai („das geht schon klar“), erlebte durch die Anfeuerungen der Zuschauer aber einen „großen Ansporn“.
Die Siegerin des Frauenlaufs, Simret Restle aus Frankfurt, stimmte in die Loblieder der Athleten ein. „Die Zuschauer haben mir Kraft gegeben“, sagte sie bei der Siegerehrung und versprach bei der Gelegenheit gleich, den Tübinger Stadtlauf bis zu ihrem Karriereende in ihrem Wettkampfkalender zu behalten. Hinter Restle (25:02 Minuten) komplettierten die Kenianerinnen Gladys Kwambai (25:19) und Selly Kaptich (25:26) das Podium. Die 18-jährige Franziska Pfeiffer (LAV) belegte in 28:03 Minuten den achtbaren siebten Platz.
Im Windschatten der rund 1500 Läufer auf den 7,5-Kilometern tasteten sich die Nachwuchsathleten an die lange Hauptlauf-Distanz heran. Zum ersten Mal fand der Jugendlauf nämlich im Rahmen des langsameren Hauptlaufs statt, so dass die jungen Stadtläufer fünf anstatt der gewohnten 2,5 Kilometer zurücklegen mussten. „Das war eine ganz neue Erfahrung, richtig hart“, japste A-Jugend Sieger Eike Haumann (LAV, 17:06 Minuten), nachdem er im Zielbereich eine Minute wie ein Maikäfer auf dem Rücken nach Luft geschnappt hatte. Auch bei der weiblichen Jugend gewannen mit Tabea Haug (19:59) und Annika Frank (19:21) zwei LAV-Läuferinen. Den Schülerlauf (2,5 Kilometer) entschieden Pascal Paintner (Leinfelden-Echterdingen) und Zoe Weigel (TV Rottenburg, SchülerInnen A) sowie Michael Zweigart (TSV Dagersheim) und Daniela Gargya (GSS Tübingen, SchülerInnen) für sich.
Wilder Armeisenhaufen
Die Schülerstaffeln bestanden derweil aus zwei Rennen. Einmal aus dem eigentlichen Wettlauf um das Zinser-Dreieck, bei dem die Wechselzone stets einem wilden Armeisenhaufen glich, was die Schüler - bis auf kleinere Pannen wie ein nicht auffindbarer Wechselpartner - aber erstaunlich souverän meisterten. Der zweite Wettlauf fand dann nach dem Zieleinlauf statt, wenn sich Eltern (für Fotos und Umarmungen) sowie Streckenposten (für die Zeitmess-Chips) gleichzeitig auf die Schüler stürzten. Die Gewinner - der TSV Genkingen (Schüler D) und die LAV Tübingen (Schüler C) bei den Vereinen sowie die Französische Schule sowie die die Laufgruppe Tornado der Kreuzerfeld-Schule bei den Schulen - "überstanden" das zweite Rennen aber ebenso wie den anhaltenden Morgenregen.
Stunden später hatten sich die Regenwolken längst verzogen. Peter Bett, der Zweitplatzierte des Hauptlaufs, lachte mit der Herbstsonne um die Wette. In einer Woche wird er schon wieder einen Stadtlauf bestreiten, dieses Mal über acht Kilometer. Auch Patrick Kimeni, der Erstplatzierte des Hauptlaufs, wird mitlaufen. „Ich will ihn schlagen“, sagte Bett gut gelaunt, „nach dem Lauf heute bin ich jetzt super in Form.“














